Auf die Knie!
Erzählung, von Thomas Friedrich (2016)
Auf die Knie!
von Thomas Friedrich
Finger wie Äste, verkrümmt, wie ein kleiner widerspenstiger Baum der im Wind steht, im Sturm der Geschichte, an der Küste, gegen das Salz, gegen die Gezeiten.
Dabei war sie nie am Meer,
hatte den Horizont auf Augenhöhe nie gesehen.
Wo sie lebte war der Horizont immer oben, oben wo der Bergrücken gegen den Himmel stößt. Wo die Baumwipfel stetig die Wolken kitzeln und ihr Niesen, die Dächer abdeckt und ihre Tränen die Flüsse im Tal über die Ufer zwingt, hinein in die Häuser, die Ställe, die Seelen.
Die Brille, mit schmutzigen, fettigen Gläsern lag vor ihr auf dem Kreuzworträtsel, das wider der Fragen und Reihen leerer Lösungen kreuz und quer beschrieben war. Die Gegenwart, hatte nicht mehr viel zu bieten. Nur mehr Zahlen, Daten, die sie kaum mehr leserlich auf jeden greifbaren Fetzen Papier niederschrieb.
Immer die gleichen Zahlenkolonnen.
Datum.
Uhrzeit.
Außentemperatur.
Mehr gab es nicht mehr. Nur noch ein letztes bisschen Jetzt, reduziert auf das Allgemeinste, worüber man zwar sprechen, aber auch nichts ändern konnte, das Wetter.
Kein Streit.
Keine Meinung.
Nur Fakten, Grad Celsius, überall. Auf der Rückseite eines Briefs, auf einem Kuvert, einem Stück Karton von der letzten gekauften Kaffeemaschine, der letzten aufgerissenen Packung Wasserfilter, der letzten geöffneten Schachtel Plätzchen. Jeder Moment, nur mehr eine dünne Haut, eine Oberfläche, gespannt über den Untiefen ihres langen Lebens.
Daneben lag das Häkelzeug.
Die Wolle, die Kissen, die Blumen, die vergangenen Tage, Jahre, trugen sie durch den Tag. Als täglich gelebte Erinnerung. Nicht mehr die Gegenwart, nur noch Vergangenheit. All die Bilder an der Wand, auf dem Regal, auf dem Kühlschrank. Die Fotos der Kinder.
Die Kinder, klein, mittel, groß.
Ihre Leben, im Zeitraffer der Portraits, Schnappschüsse und Familienfotos, verteilt im Zimmer auf jeder Stellfläche. Von den ersten Schritten, den wichtigen Tagen, den unwichtigen Augenblicken, den traurigen Details, wie die leeren Flaschen Wodka im Hintergrund auf dem Wohnzimmertisch oder die unzähligen Zigarettenschachteln auf der Anrichte.
Die lachenden Münder.
Die glasigen Augen.
Über den Fotos lag der Schleier ihrer Trauer. Die Jahre, die in ihren Gesichtern verblassten, die Augen, die älter aber nicht alt wurden.
Die Falten.
Die geplatzten Adern.
Ihre Leben, konserviert, erstarrt, beendet. Diese Bilder waren alles und trotzdem nichts mehr, als Platzhalter für die Grabsteine, die gegenüber standen, auf der anderen Seite des Tals, wo sich der Friedhof am steilen Abhang kaum festhalten konnte und die Toten im Untergrund Jahr für Jahr weiter abrutschten, bis sie sich am Fundament der kleinen Kirche sammelten, erdrückt von der Schwerkraft. Während die gepflegten geraden Kieswege zwischen den Gräbern die diesseitige Ordnung vortäuschten, hatten sich im Untergrund die Gebeine der Toten längst zu einem wilden, hemmungslosen Reigen vereint. Ein einziges Durcheinander aus Knochen und Dreck. Nur die Geschichten über sie blieben, die Guten, die immer weiter wiederholt wurden, bis sie nur noch starre Litanei waren, an der sich die Hinterbliebene festhalten konnte, um nicht selbst abzurutschen, hinab, zur Wahrheit. Aber was ist die Wahrheit schon, was ist ihr Wert, neben den verdrängten Erinnerungen, den Fehlern und den Sünden. Alles Verdauliche. Alles Abscheuliche. Daran wollte sie nicht mehr denken. Daran konnte sie nicht mehr denken. Ihre Kinder wurden zur sentimentalen Erinnerung abgestellt. Ihr letzter Dienst an die Vorfahren.
Es war Freitag.
Freitag war Matjes-Tag.
Die heißen Kartoffeln dampften auf dem Teller. Neben dem Teller, in einer kleinen Schüssel, Salat, Blattsalat. Beides stand noch auf der Anrichte. Noch fehlte ihr die Energie, sich den Teller zu holen, auf den Tisch zu stellen, zu essen. Aber sie wollte es so. Sie wollte noch aufstehen müssen.
Durch die Küche.
Zur Anrichte.
Zuerst den Teller.
Dann die Schüssel.
Alles vorsichtig. Die Beine, das Zittern, die Hände, wie schlecht erzogene Kinder.
Sie saß auf der Küchenbank neben dem Fenster und sah nach draußen, wo der Wagen der Sozialstation noch stand, der Motor lief bereits. Der große weiße Aufkleber auf der Motorhaube nur ein Fleck, der Wagen nur eine rote Wolke in der Einfahrt. Über dem wässrigen blau ihrer Augen lag ein grauer Schleier. Ihre Brille lag vor ihr auf dem Tisch. Zum Häkeln musste sie nichts mehr sehen. Sie musste nur die Wolle um ihre Finger gewickelt spüren und den sanften Widerstand des Nadelkopfes an der Fingerkuppe ihres linken Zeigefingers. Sie schnaufte im Rhythmus der Häkelnadeln durch ihre große derbe Nase. Von draußen das rote Motorengeräusch.
Rückwärts.
Wenden.
Leiser, leiser, leiser.
Wie unter Wasser.
Der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Ein Wimpernschlag, eine Erinnerung an den Vormittag, an das Wasser, die Verzweiflung, die Erschöpfung. Die Gewissheit. Plötzlich stand die ganze Küche unter Wasser und an die engen Wände schlugen die Wellen mit unbändiger Kraft. Zittrig befreite sie ihre Finger von der Wolle, dem Häkelzeug. Zittrig befreite sie sich auch von diesem Gedanken und mit einem tiefen Atemzug saugte sie das Wasser ein, bis nur noch eine Träne blieb, die ihre Augen benetzte.
Die Kartoffeln dampften nicht mehr. Sie seufzte und stand auf.
Zum Teller.
Zum Essen.
Ihr entfuhr ein zweiter Seufzer, als sie sich wieder setzte. Sie nahm ihre Brille und sah hindurch, der Teller, ein graues Weiß. Darauf der Hering, in Häppchen geschnitten. Darüber die Soße, Sahne, auch weiß. Dazwischen, Zwiebeln, in Ringen, glasig. Die Kartoffeln, verschwitzt, dampfgegart, verkocht, in Häppchen geschnitten. Der Salat, wässrig süßes Dressing, vermischt mit Tropfen der säuerlichen Matjes-Soße – nicht in Häppchen geschnitten.
Neben dem Teller, keine Gabel.
Neben der Schüssel, keine Gabel.
Auf der anderen Seite der Küche, die Anrichte, leer, bis auf die Gabel, die noch dort lag.
Sie legte die Brille zur Seite und lehnte sich zurück. Draußen, die Einfahrt, leer. Ein graublauer Streifen Kies. Ihre Hände zitterten. Das Wasser stieg wieder an. Ihre Brust, zugeschnürt und wieder die Erinnerung an den Vormittag: sie selbst, hilflos, allein in der Badewanne.
Sie war sich sicher, dass sie sterben würde.
Sie war sich sicher, dass man sie so finden würde,
nackt,
im Wasser,
aufgedunsen.
Die Haut, grau.
Ihre Haare, weiß. Ein feines Netz auf der Wasseroberfläche.
Sie war sich sicher, das war ihr Ende.
Aber es war nicht ihr Ende.
Es war Freitag und nun saß sie hier, am Tisch, mittags, nur ein paar Stunden später. Das Essen wurde kalt. Sie konnte nicht mehr aufstehen und die Gabel von der Anrichte holen. Nicht jetzt. Nicht heute. Auch wenn sie keinen Appetit mehr verspürte, nahm sie mit Daumen und Zeigefinger ein kleines Stück vom Fisch und steckte es sich in den Mund. Sie schob das Stück mit ihrer Zunge herum, drückte die glitschige Masse gegen ihren Gaumen, bevor sie es nach links hinten, zwischen ihre Backenzähne, bugsierte, wo sie es langsam weich drückte. Dann schluckte sie das Stück hinunter.
Ein Stück toter Fisch.
Ein Klopfen am Fenster.
Ihr Sohn, der Jüngste, der Dritte. Sein Gesicht im unteren Eck der Scheibe. Sie musste ihre Brille nicht aufsetzen, um sein Lächeln zu sehen. Sie nickte nur und sein Gesicht verschwand wieder. Kurz darauf, der Motor des Rasenmähers. Sie steckte sich ein Stück Kartoffeln zwischen die Backenzähne und lächelte. Sie hatte überlebt. Wer hätte ihr das zugetraut? Sie hätte es sich selbst kaum mehr zugetraut. Aber sie hatte überlebt. Sie hatte den Kampf angenommen. Gegen das Wasser, gegen die Erschöpfung, gegen die Müdigkeit.
Freitag war auch Badetag. Eigentlich freute sie sich immer auf das wöchentliche Bad. Wenn ihrem alten Körper im Wasser das Gewicht genommen wurde, wenn sie zwischen den Schmerzen und den Erinnerungen schwebte, im Nichts, der Stille. Reden mochte sie noch nie. Menschen mochte sie nicht mehr. Lieber die Bäume, den Wald, die Sträucher auf den Lichtungen, die Pilze im feuchten Schatten. Wege die nur sie kannte, Eimer voller Beeren, die nur sie finden konnte. Ihre Seele war eine Karte des Waldes. Jeder Zentimeter und jedes Geheimnis waren verzeichnet in ihrem Wesen. Sie war seit Jahren nicht mehr dort. Sie konnte nicht mehr so gut laufen. Die Steine und Wurzeln, die Wege und Pfade waren nicht mehr die ihren. Sie erinnerte sich an jeden einzelnen, wenn sie dort schwebte, allein, im Wasser. Einmal die Woche. Gebadet wurde vormittags, vor dem Essen.
An diesem Morgen war etwas anders. Sie wusste es. Bevor sie das Wasser eingelassen hatte, wusste sie es. Bevor der heiße Dampf Fenster und Spiegel bedeckte, wusste sie es. Wie man so etwas eben weiß, mit den Knochen, den Fasern. Das alles war bereits da, das Wissen. Schon als sie morgens aufstand, als sie sich zur Seite rollte, die Beine unter der Decke hervorschob, zur Seite, immer zur Seite, um sie langsam zu Boden gleiten zu lassen, um sich aufzurichten, um sich hoch zu drücken und um sich festzuhalten, weil der Kreislauf und der Blutzucker, der Schwindel. Sie musste sich immer festhalten, am Geländer, dem Stuhl, der Tischplatte, den Häkelnadeln, den Gedanken, der Vergangenheit. Weil es immer da war, das Wissen, die Ahnung, wenn man geholt werden soll. Trotzdem ließ sie das Wasser ein, das Badesalz ließ die Bäume wachsen, den Wald zurückkehren in ihr Leben. Fichtenduft. Ihr Jüngster hatte es ihr gekauft, das Badesalz. Weil sie ihn so vermisste, den Wald. Und plötzlich war er wieder am Leben, plötzlich hörte sie den Luftzug, wie er durch die Nadeln glitt, das Knarzen des Holzes und den Duft des Waldbodens, der wie sanfte Wellen zwischen den Stämmen im Schatten lag, unter dünnem Gras. Alles tanzte im Wind. Vorsichtig ließ sie sich in die Wanne gleiten. Das ließ sie sich nicht nehmen, auch wenn die Ordensschwestern von der Krankenstation und ihr Sohn alles daransetzten, es ihr auszureden. Allein baden, sagten sie, viel zu gefährlich.
Viel zu gefährlich.
Das warme Wasser.
Wie konnte das gefährlich sein? Sie war selbst ein Baum, ihre Wurzel reichten tief, bis weit in den Erdboden. Wie konnte das warme Wasser da gefährlich sein? Sie schloss die Augen, atmete tief. Fichtenduft. Sie hatte ihren Sohn einen Idioten genannt, als er mit dem neuen Badesalz ankam. Ein sentimentaler Idiot, Fichtenduft. Was war falsch an ihrem alten Badesalz? Doch dann kam die Erinnerung zurück, an die Wanderungen und an die Tage, allein auf den schmalen Wegen durchs Unterholz. Stunden. Keine Menschen. Keine Stimmen. Nur das Knacken der Zweige unter ihren Füßen.
Fichtenduft.
Für immer wollte sie so durch den warmen feuchten Wald schweben. Ohne Schmerzen. Sich in den Tiefen verlieren, die Wege verlassen und verloren gehen.
War sie eingeschlafen?
Wie lange lag sie schon da?
Das Wasser war bereits kalt, ihre Hände ganz blau. Sie versuchte sich aufzurichten, schaffte es aber nicht. Ihre klammen Finger rutschten am Rand der Badewanne ab. Wo, nach all den Jahren, waren die tiefen Wurzeln jetzt? Jetzt, wo sie ihre Kraft gebrauchen konnte? Sie rutschte wieder ab, verlor das Gleichgewicht. Sie rutschte tiefer, ihr Kopf unter Wasser. Sie schluckte, Fichtenduft. Hustete, Fichtenduft, rutschte wieder nach unten. Wieder unter Wasser. Mit letzter Kraft stemmte sie sich gegen den Rand der Wanne, nur nicht wieder unter Wasser, wo es keine Luft gab, keinen Atem. Alles wurde schwerer, ihre Arme, ihre Beine, ihre Gedanken, alles zog sie hinab. Es gab nur noch diesen einen Kampf. Noch einmal versucht sie, sich am Rand der Wanne festzuhalten, sich aufzurichten.
Wieder rutschte sie ab.
Wieder das Wasser.
Wieder Husten. Husten und Erschöpfung. Es hatte keinen Sinn. Sie war hilflos und sie war allein. Aber so wollte sie nicht sterben. Wenn man sie so finden würde, ein aufgedunsenes Walross, tot. Die Scham würde sie bis ins Grab verfolgen. Sie dachte an ihre beiden verstorbenen Kinder, die ihre Kämpfe verloren hatten. Ihre Gegner waren zu mächtig, hatten sich in ihren Zellen eingenistet, sie zersetzt und aufgelöst. Das konnte sie ihnen nicht antun. Sie hielt inne, sah sich um, sammelte ihre letzten Kräfte. In ihrem Kopf formte sich ein Befehl, „auf die Knie!”
Mutig rutschte sie langsam nach unten,
Zentimeter für Zentimeter. Das Wasser reichte ihr bis zum Kinn,
zum Mund,
zur Nase.
Auf die Knie!
Sie hielt die Luft an und mit letzter Kraft rollte sie sich zur Seite. Ihr weiches Becken glitt entlang des Wannenbodens. Sie schluckte Wasser. Aber sie hatte es geschafft. Sie hatte sich auf den Bauch gedreht. Nun stemmte sie sich nach oben. Ein letzter Kraftakt. Aufbäumen. Bis sie auf allen vieren in der Wanne kniete. Sie schnappte nach Luft, gierig zu atmen. Sie musste husten. Fichtenduft.
Heute war kein Todestag.
Heute war Freitag,
Badetag,
Matjes-Tag.
Sie übergab sich ins Wasser.
In Gedanken griff sie nach ihrer Brille, nahm ein Taschentuch und putzte die Gläser. Dann legte sie die Brille wieder beiseite. Vor ihr der Teller, der Fisch, die Kartoffeln, der Salat. Draußen verstummte der Rasenmäher und kurz darauf stand er in der Tür der Küche, der Jüngste, mit seinem Gesicht.
„Mama, warum isst du mit den Fingern. Ich fass es nicht, warum isst sie mit den Fingern? Ich hab ihr doch die Gabel, da liegt sie doch die Gabel. Sag mal, Mama, da liegt sie doch die Gabel und du sitzt da und isst mit den Fingern. Warum machst du das denn, wenn die Gabel hier liegt?”
Was sollte sie dazu sagen? Sie nahm einfach noch ein Stück Fisch, kalter Fisch und schob ihn sich in den Mund.
„Warte, lass das doch, ich hol dir die Gabel. Mit den Fingern…”
Er nahm die Gabel von der Anrichte, wischte sie noch kurz mit dem Küchentuch sauber und gab sie ihr. Dachte er die Gabel sei dreckig? Dachte er sie sei dreckig nur weil sie da lag, in ihrer Küche?
Obwohl sie noch gar nicht benutzt wurde?
Sie legte die Gabel neben den Teller. Sie hatte keinen Hunger mehr.
Hinter ihr auf dem Regal standen die Hochzeitsbilder ihrer beiden ältesten Kinder. Da waren keine Schnappschüsse vom Jüngsten, nur von ihm,
kein gestellten Erinnerungsfotos, nur von ihm.
Er durfte nicht dort auf dem Regal stehen, zwischen seinen Geschwistern. Er durfte nicht Teil ihrer Erinnerung sein. Er würde nur ihr Andenken stören.
Er hatte nie geheiratet.
Er hatte nie getrunken.
Er war nie gestorben.
Er hatte sie noch nie vor dem Ertrinken gerettet.
Er war da.
Er stand hier, in der Küche, ungelenk, verunsichert von ihrem Zustand. Mehr wollte sie von ihm auch nicht. Das war seine Aufgabe. Der Lebende versorgte sie, die Toten, die hielten sie am Leben.
© Thomas Friedrich 2016